Teilchenphysik meets Music-Festivals
Dass Physiker eine besondere Nähe zur Musik haben, ist kaum zu bestreiten. Am CERN gibt es dafür sogar einen eigenen Beleg: Seit mehr als 30 Jahren veranstalten Forschende das Hardronic Music Festival. Doch die Verbindung funktioniert offenbar auch in die andere Richtung. Seit 2024 bringen Teilchenphysiker:innen ihre Wissenschaft dorthin, wo es laut, bunt und ziemlich metallisch wird: auf Metal-Festivals.
Den Anfang machte ein Gespräch bei der DPG-Frühjahrstagung in Gießen. Daraus entstand die Idee, Teilchenphysik auf einem Metal-Festival mit einem zusätzlichen Wissenschaftsangebot erlebbar zu machen. Schnell war klar: Ein klassischer Infostand sollte es nicht werden. Stattdessen sollte das Publikum selbst aktiv werden und Teilchenphysik mit den eigenen Händen und Füßen erleben.
2024 waren deshalb der Netzwerk Teilchenwelt-Standort Münster gemeinsam mit MExLab Physik und Q.UNI Münster sowie der Standort Gießen auf dem Music Forge Festival im hessischen Lich dabei. Im Gepäck: zahlreiche Hands-on-Experimente, jede Menge Teilchenphysik zum Ausprobieren und Buttons mit musikalisch inspirierten Teilchenphysik-Motiven. Das besondere Highlight wartete allerdings vor der Bühne: Gemeinsam mit der Band „The Butchers Sisters“ wurde die Wall of Death kurzerhand zur Teilchenkollision.
Eine menschliche Teilchenkollision
Die Idee dahinter lässt sich erstaunlich gut mit einer echten Kollision in der Teilchenphysik vergleichen. In Experimenten wie denen am CERN werden Atomkerne auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und zur Kollision gebracht. Dabei entstehen für einen winzigen Moment extrem hohe Energiedichten. Unter diesen Bedingungen können sich die Bestandteile der Atomkerne, Quarks und Gluonen, in einen besonderen Zustand verwandeln: das Quark-Gluon-Plasma. Einen ähnlichen Zustand gab es vermutlich auch im sehr frühen Universum, wenige Mikrosekunden nach dem Urknall.
Für die Festival-Version brauchte es allerdings weder Beschleuniger noch riesige Detektoren, sondern möglichst viele motivierte Metal-Fans. Quarks tragen eine sogenannte Farbladung, die in der Teilchenphysik mit den Bezeichnungen Rot, Grün und Blau beschrieben wird. Also wurden die Festivalbesuchenden mit T-Shirts in diesen drei Farben ausgestattet. Vor der Bühne bildeten sie zwei Gruppen und damit zwei „Wände“. Dann gab es das Startsignal: Die beiden Gruppen rannten aufeinander zu und prallten in einer gewaltigen menschlichen Kollision aufeinander. Anschließend vermischten sie sich im Moshpit. Aus der Wall of Death wurde so ein menschliches Quark-Gluon-Plasma.
© David BorgeltDie Aktion kam bei Publikum, Band, Veranstalter und Physiker:innen so gut an, dass schnell feststand: Das machen wir gleich nächstes Jahr noch einmal. Und so entstand eine kleine Tradition. In den folgenden Jahren wurde die menschliche Teilchenkollision gemeinsam mit der Band „Bluthund“ fortgesetzt. Auch der WDR wurde auf die ungewöhnliche Verbindung von Metal und Physik aufmerksam und berichtete über die Aktion.
Teilchenphysik auf Festival-Tour
Inzwischen ist aus der ursprünglichen Idee ein ganzes Festivalprogramm geworden. 2026 war der Standort Münster gemeinsam mit dem Big Bang Collective des CERN beim Kimiko Festival in Aachen dabei. Auch bei „Das Schloss Rockt“ in Münster und bei „Detten Rockt“ in Emsdetten konnten Besucher:innen Teilchenphysik mit interaktiven Angeboten entdecken.
© David Borgelt
© David BorgeltDie große menschliche Teilchenkollision bleibt allerdings dem Music Forge Festival vorbehalten. Denn auch wenn sie auf den ersten Blick spontan aussieht: Eine Kollision mit vielen Menschen will gut vorbereitet sein, ganz ähnlich wie ein echtes Teilchenphysik-Experiment. Und auch dort braucht es viele Menschen, die wissen, was sie tun.
Was alle Festivals verbindet, ist die große Neugier und Offenheit der Besuchenden. Wer Musik liebt, mag offenbar auch Teilchenphysik. Und manchmal beginnt ein Gespräch über Quarks und Gluonen eben mitten im Moshpit.